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Schwingen, Singen, Laute fürs Leben

Heike Beckeralt

Schwingen, Singen, Laute fürs Leben

 Heike Becker über die Wichtigkeit des Lautierens mit Babies, Silbenschwingen und warum man sich von unterentwickelten Genen nicht aufhalten lassen sollte.
 
 

A:      Bei den ersten Clubtreffen fiel mir auf, dass Du Dich sehr klar artikulierst, so dass ich daraus schloss, dass Du wohl irgendwie aus dem ‚Rederei-/Vortragswesen‘ kommst. Beim näheren Kennenlernen erfuhr ich dann, dass Du Heilpädagogin bist und dazu noch eine mobile Praxis hast. Wie dürfen wir uns das vorstellen?
Wohin eilst, wovon heilst Du?

 
H:      Zunächst mal, im klassischen Sinne heile ich nicht, denn meine Aufgabe ist eine pädagogische. Ich eile vormittags zur Schule, um Schüler mit Lese- und Rechtschreibschwächen oder Legasthenie unterrichtsbegleitend zu fördern, nachmittags trainiere ich mit Kindern zu Hause in den Familien.
 
A:      Wie bist Du denn zu diesem Beruf gekommen?
 
H:      Schon in der Grundschule war mir klar, dass ich später einmal mit Kindern arbeiten möchte. Meine Lieblingsfigur in Rollenspielen war die der Lehrerin.
In Xanten begann ich mit der Ausbildung als Erzieherin und erlangte dort auch das internationale Montessori-Diplom. Anschließend ging ich nach Koblenz und arbeitete in der dortigen Kinderklinik im pädagogischen Dienst.
In Dortmund bekam ich einen Studienplatz und studierte Heilpädagogik mit dem Schwerpunkt auf Sprachheilpädagogik.
Das erste Mal nach Bayern kam ich über eine Zusammenarbeit mit dem Kinderzentrum München und der ‚Aktion Sonnenschein‘ unter Prof. Hellbrügge, dem Pionier der modernen Pädiatrie schlechthin (Anm.: mehr zu Prof. Hellbrügge am Ende des Interviews). Nach meinem Abschluss war ich zu Anfang in Bamberg und später in Würzburg in der Frühförderung mehrfach behinderter Kinder tätig.
 
A:      Dann kamen Mann und Kinder (mittlerweile zwei gutaussehende, charmante junge Männer übrigens), das Häuschen im Kirschgarten…
 
H:      …wobei ich mich auch in der Familienzeit auf dem Gebiet der Sprachheilpädagogik weiterbildete. 2001 stieg ich beruflich, in der Montessori Schule Erlangen, wieder voll ein. Die mobile Praxis gründete ich vor sechs Jahren… ja genau, im gleichen Jahr wie unsere Club-Gründung, 2004.
 
A:      Eine beeindruckende Laufbahn, wobei das Thema Weiterbildung ein ganz wichtiges sein dürfte denn ‚die Kundschaft‘ und deren Umfeld ändert sich ja ständig. Wie sieht’s denn so aus mit der Jugend heutzutage, bzw. lt. Berichten aus der Wirtschaft ist die Rechtschreibkompetenz oft mangelhaft.
 
H:      Ich denke mit der Jugend heutzutage ist erst mal nichts verkehrt, das Bewusstsein für die Schwächen ist größer geworden. Hier müssen wir aber ganz klar zwischen Lese- und Rechtschreibschwäche und Legasthenie unterscheiden.
 
A:      Viktoria von Schweden hat sich als Legasthenikerin geoutet, ihr Vater Gustav hatte lt. den bunten Blättern ebenso Probleme, wie auch Einstein und andere ganz Schlaue. Woran liegt’s?
 
H:      Die meisten Legastheniker haben einen hohen IQ, ihre Begabung liegt auf anderen Gebieten wie z.B. der Mathematik. Es handelt sich hierbei oft um einen genetischen Defekt, quasi eine isolierte Störung. Legasthenie ist nicht ‚heilbar‘, in der Therapie lernen die Betroffenen aber damit umzugehen. Führend auf diesem Gebiet ist der Humangenetiker Prof. Grimm von der Uni Würzburg, der selbst Legastheniker ist; übrigens ebenso drei seiner sechs Kinder. Durch seine Vorträge konnte ich während meiner Ausbildung wertvolle und hilfreiche Einblicke gewinnen.
 
         (Anmerkung: Siehe hierzu auch ‚Nachgefragt‘ unter sueddeutsche.de:
 
A:      Legasthenie ist mittlerweile als Krankheitsbild anerkannt, endlich, für viele Betroffene war dies bestimmt ein langer und oft schmerzhafter Weg. Was ist denn nun eine Lese- und Rechtschreibschwäche. Zu wenig Lesen, zuviel Fernsehen?
 
H:      Da kommen einige Faktoren zusammen, aber ein wesentlicher Punkt dabei ist sicher, dass mit den Kindern nicht mehr viel gesprochen und gesungen wird, viele Kinderreime in Vergessenheit geraten, die sprachpädagogisch durchaus sinnvoll sind. Stundenlanges Vor-dem-Fernseher-Sitzen oder Computerspiele sind, gerade bei betroffenen Kindern, dann natürlich nicht förderlich.
 
A:      Ich dachte immer da geht’s mehr um Anleitungen fürs brave Kind bzw. so richtig nachgedacht habe ich darüber noch gar nicht. ‚Pädagogisch wertvoll‘, also.
 
H:      Auf jeden Fall, mit den Kinderliedern und Reimen, die oft bestimmte Laute betonen, üben die Kinder das Sprechen, Buchstabenfolgen, die Bewegung in der Melodik. In der Therapie üben wir z.B. das Silbenschwingen…
         (Heike steht auf läuft seitwärts und schwingt mit den Armen die Silben Me- lo - ne)
 
A:      Da ist ja richtig Bewegung drin...
 
H:      … was den Kindern viel Spaß macht. Wir nutzen die gesamte Motorik zur Erfassung und Abspeicherung der Wörter. Es wird dann auch schnell deutlich, wenn sich ein Kind ansonsten nicht ausreichend bewegt. Die phonetische Bewusstheit wird aber schon viel früher geweckt, nämlich mit ‚Brabbeln‘ schon mit dem Baby. Das Kind nimmt die unterschiedlichen Töne bereits sehr wohl wahr. Wichtig sind hier auch die ständigen Wiederholungen…
 
A:      ...für mithörende Beobachter oft nervig, mitleidige Blicke für die Mutter…
 
H:      ...für die Entwicklung der Kinder aber sehr wichtig. Wenn mit dem Kind dann auch noch gesungen, gereimt und im Bilderbuch gelesen wird ist schon ein wichtiger Grundstein gelegt.
 
A:      Wie viele Kinder betreust Du, wie ist die Zusammensetzung, mehr Jungs als Mädchen?
 
H:      Ich betreue Schüler von der 1. bis zur 7. Klasse. Derzeit wöchentlich zehn Kleingruppen am Vormittag unterrichtsbegleitend in der Schule, nachmittags kommen einzelne Schüler in der außerschulischen Förderung hinzu. Insgesamt etwa 60 Kinder pro Schuljahr. In der Zeit meiner Praxistätigkeit habe ich bisher ca. 300 Schüler betreut. Ja, und die Jungs stellen dreiviertel der Schüler.
 
A:      300 Kinder, das ist eine stattliche Zahl. Woher kommt dieser Anstieg oder wurde das erst zum Thema?
 
H:      Naja, ein Thema war’s schon immer aber glücklicherweise ist das Bewusstsein für dieses Störungsbild gewachsen. Ich weiß schon, früher kamen solche Kinder halt auf die ‚Sonderschule‘, heute erhalten sie ein Attest. In dieser Zeit wird die Benotung in betroffenen Bereichen ausgesetzt und sie werden auch über die Schule gefördert. Die Erfolgsquote ist recht gut. Da gerade die Früherkennung sehr wichtig ist, halte ich ab Juli ein Seminar auf diesem Gebiet für Grundschul-Lehramtsstudenten.
 
A:      Ich will jetzt gar nicht fragen, wie Du das alles in einen 24-Stundentag packst, sondern welche Strategien Du bei Legasthenikern anwendest.
 
H:      Wie schon gesagt ist Legasthenie nicht heilbar, sie begleitet die Betroffenen ein Leben lang. Oft haben sie deshalb wenig Selbstbewußtsein – und hier setze ich an. Nicht die Schwächen, sondern die Stärken in den Vordergrund stellen und natürlich ‚Tipps und Tricks‘, um mit den Fallen des Alltags umgehen zu können.
 
A:      Stichwort Eltern. Oft leiden die Kinder ja unter dem Leistungsdruck ihrer Eltern, die oft nur ‚das Beste‘ wollen. Was begegnet Dir da? Ich könnte mir vorstellen, dass gerade Väter bei den Sprechübungen leicht überfordert sind. Baby-Brummeln mit Papi…
 
H:      …obwohl gerade das auch sehr wichtig wäre. Andere Tonlage, andere Bezugsperson. Väter, die mit ihren Kindern rennen, bauen, auf Bäume klettern, Zeit für sie haben - wunderbar.
  
A:      Vieles gäbe es hierzu noch zu berichten, was aber den Rahmen dieses Interviews sprengen würde. Gut zu wissen ist, dass es Mittel und Wege – und insbesondere engagierte Pädagogen - gibt, die hier Hilfe anbieten. Zu Deinem Berufsbild: Vorwiegend weiblich nehme ich an?
 
H:      Ja, aber es wählen immer mehr Männer diesen Beruf, wie glücklicherweise auch mehr Erzieher in die Kindergärten und Lehrer an die Grundschulen kommen.
 
A:      Hast Du ein gutes berufliches Netzwerk? In der Anstellung sind’s Kollegen, in der freien Wirtschaft Konkurrenz?
 
H:      Das berufliche Netzwerk – und auch Umfeld – ist sehr gut, sei es mit den Lehrern an den Schulen sowie mit den Kollegen im LRS Netzwerk. Wir treffen uns, tauschen uns aus, organisieren interne Fortbildungen. Konkurrenzdenken? Eher weniger.
 
A:      Als Heilpädagogin bist Du sehr gefordert, wie entspannst Du? Dein Garten ist ja schon mal eine kleine Oase.
 
H:      Ja, Gartenarbeit macht mir Spaß. Ansonsten lese ich gerne und viel, sei es Belletristik oder Fachliteratur. Das Schöne an einer selbständigen Praxis ist ja auch, dass ich meine Arbeit nicht nur einteilen, sondern auch gestalten kann. Das gefällt mir schon sehr gut. Im Herbst beginne ich mit Yoga und Qui Gong, denke mal, das ist ein ganz gutes Ausgleichsprogramm.
 
A:      Seit knapp sechs Jahren bist Du Soroptimistin. Wie kamst Du zu Forchheim-Kaiserpfalz?
 
H:      Durch meine Hausärztin. Wir sind befreundet und kamen mal ins Gespräch, das war im Zusammenhang mit einem sinnvollen Engagement nach der Berufstätigkeit.
 
A:      Na, da ist’s ja noch eine Weile hin. Mittlerweile verbindest Du ja beides famos und hast Dich als unsere Frau für überregionale Kontakte etabliert.
 
H:      Ich war auf den Weltkongressen in Wien und Amsterdam. Am 19.06. nehme ich wieder am regionalen Bereichstreffen, diesmal in Amberg, teil. Mich reizt der Gedankenaustausch, das ‚Über-den-Landkreis-Gucken‘, Anregungen für unsere Clubarbeit zu bekommen oder auch ganz einfach internationale Soroptimistinnen zu treffen.
 
A:      Liebe Heike, danke für das nette Gespräch nebst köstlichem Kuchen und weiterhin viel Erfolg und Freude bei Deiner wichtigen Arbeit.  
 
 
Das Interview mit Heike Becker führte Angelika Franzen im Juni 2010.
 
Kontakt:
Mobile Heilpädagogische Praxis Heike Becker
Am Kirschgarten 5 a
91077 Neunkirchen am Brand
Tel.: 0174/3427792
email: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
 
 
Heike zeigt das Fachbuch:
Legasthenie und Rechtschreibschwierigkeiten - Fallgeschichten aus der Praxis 
Verlag: Edition Bentheim
  

 

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Theodor Hellbrügge (23.10.1919) ist emeritierter Ordinarius für Sozialpädiatrie sowie emeritierter Vorstand des Instituts für Soziale Pädiatrie und Jugendmedizin und Gründer des Kinderzentrums München. Er hat 15 Ehrendoktorate, was eine außerordentlich ehrenvolle Anerkennung für den international anerkannten Pädiater bedeutet.
Prof. Dr. Hellbrügge begann seine Laufbahn als Kinderarzt der Uniklinik München und gründete hier den ersten deutschen Lehrstuhl für Sozialpädiatrie. Mit dem Kinderzentrum München schuf er die erste sozialpädiatrische Einrichtung für Entwicklungs-Rehabilitation, Früherkennung und -therapie und soziale Integration. Mittlerweile gibt es 200 solcher Kinderzentren im In- und Ausland. Zur Gründung von weiteren Zentren hat Prof. Hellbrügge 1999 die Internationale Aktion Sonnenschein e.V. gegründet, die heute gemeinsam mit der Theodor-Hellbrügge-Stiftung diese Arbeit fortführt. Gerade in Ländern, in denen Behinderte ausgestoßen oder vernachlässigt von der Gesellschaft leben müssen, sind die Kinderzentren einzigartige Hilfsprojekte (aus dem Internet).

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